In der Wildnis

Aus der Stadt in die Wildnis. Das wäre wohl eine treffende Kurzzusammenfassung unserer heutigen Tourplanung. Wenn wir schon in der Stadt (Voss) sind, so der Gedanke gestern Abend, dann können wir auch mal kochen lassen. Entsprechend gab es recht leckere Pizza von einer kleinen Pizzeria im Zentrum von Voss. Heute Morgen dann wie üblich ein schnelles Frühstück (frische Brötchen!) und wir machen uns bei sonnig-wolkigem Wetter Richtung Süden auf.

Süden ist heute eine Gegend, die auf unserer Karte keinen wirklichen Namen zu haben scheint, soch aber um den Berg Blaafjell herum erstreckt. Vor ein paar Tagen hatte ich auf der Topo-Karte Norwegen ein Gebiet entdeckt, dass interessant unerschlossen aussah und trotzdem kleine, lange Strassen zu haben schien. Um dem Diktat der E-Strassen und ihrer Autokolonnen ein bisschen zu entfliehen, haben wir uns heute diese auf rd. 900m liegende Hochebene als Ziel ausgesucht. Auf dem Weg dorthin nehmen wir die Fjordfähre Kvanndal – Utne und fahren die kleinere und damit von LKWs verschonte Westseite des Soerfjord Richtung Odda. Unterwegs stehen links und rechts der Strasse immer wieder Stände mit Äpfeln und Pflaumen. Wir entscheiden uns für frische Äpfel und 30 Kr später haben wir eine ansehnlich grosse Tüte mit kleinen, feuerroten Äpfeln, die auch so gut schmecken wie sie aussehen.

Unser Reiseführer hat mit seinem Kommentar zu Odda leider sehr Recht (“am besten links liegen lassen”), aber irgendwo muss auch Norwegen seine Industrie unterbringen. Hier steht eine Aluminiumhütte und verschandelt “leicht” die Fjordidylle. Auf der Suchen nach der Route abseits der Haupt-Touristenstrecken bleiben wir nach den langen Tunneln südlich von Skare auf der N 13 und bekommen tolle Aussichten auf die steilen Bergflanken an den Ufern des Suldalsvatn geboten. Auch Tunnel-Fans kommen hier auf ihre Kosten, denn alle paar hundert Meter geht es wieder durch kurze Naturtunnel ohne jegliche Beleuchtung.

Wie erhofft wartet das Highlight des Tages aber noch auf uns. Nach dem Abbiegen von der 13 rd. 8km hinter Vinjar schrauben wir uns von Seeniveau auf rd. 650m Höhe. Unser Dicker schnauft streckenweise im 1. Gang den Berg rauf. Oben angekommen und 1 Skigebiet und einen leicht merkwürdigen Wohnwagenpark im Nirgendwo später fahren wir durch einen Landschaft, die eine perfekte Filmkulisse für einen Fantasy-Film abgeben würde. So weit das Auge reicht abgerundete Berketten ohne starken Bewuchs und nur mit Moosen bedeckt. Das ganze unterbrochen nur von felsigen Plateaus, die dutzende kleiner Seen aufnehmen. Die geplant Route schickt uns immer tiefer durch die Landschaft und die breite, alte geteerte Strasse bringt und rasch voran. Niemand würde ein solche aufwändiges Strassenband ins Nirgendwo legen und bei genauerer Betrachtung fahren wir auch nicht durch’s Nirgendwo, sondern durch eine fast unsichtbare, aber wohlüberlegt angelegte Ingenieursleistung. Die Hochebene, auf der wir fahren, ist der größte Wasserspeicher Norwegens. In einem gigantischen, mehr als 10 Jahre dauernden Projekt wurde diese unwirtliche Gegend in den achtziger Jahren mit Dämmen zu einem Seensystem ausgebaut, dass jetzt an unterschiedlichen Stellen für die Stromgewinnung angezapft wird. Im Verlauf der rd. 40km langen Stecke kommen wir an mehreren riesigen Dämmen vorbei und stellen fest, dass in dieser Einsamkeit sich tatsächlich jemand die Arbeit gemacht hat, Info-Tafeln aufzustellen. Dafür werden Strasse und insbesondere Tunnels immer rudimentärer und es wirkt stark so, als würden wir über die Reste der einzig zum Bau angelegten Wege fahren. Apropos Reste: kurz vor Ende der befahrbaren Strecke finden wir nahe der Straße einen verlassenen und leicht lieblos verbarrikadierten Tunnel. Innendrin verrotten die Kabel und überall sind Steine von der Decke gefallen. Als der See an seiner Seite noch nicht voll war, scheint dies eine Rampe für die Baufahrzeuge auf den Grund des Staudamms gewesen zu sein. Was das Auge nicht sieht, die Langzeitbelichtung aber zeigt: wenige Meter hinter dem Eingang steht das Wasser auf Seeniveau im Tunnel und hier herrscht ewiger Winter. Auf dem Wasser schwimmen auch jetzt noch – am Ende des Sommers – Eisschollen.

Unser Nachtlager schlagen wir trotz Sturms auf der Hochebene auf, denn wir finden eine kleine Ecke im Fels, die uns zumindest Schutz vor den gröbsten Winböen gibt. Für Christiane und mich ist bei dem Wind der Zeitpunkt gekommen, endlich mal das Gästebett unten im Auto auszuprobieren. Nur 96cm Breite ist eine Herausforderung, aber besser als schlagende Zeltwände die ganze Nacht. Wir werden sehen…

Sonderaktion: Schild-Rästel in der Galerie! Bitte in Kommentaren mitmachen.

Elevation Profile

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4 Responses to In der Wildnis

  1. Dietmar says:

    Hallo, schöne Grüße an euch.

    Zum Bildrätsel:
    Will das Schild euch empfehlen, das Stahlseil zur Absicherung gegen eventuelle
    Starkwindböen zu benutzen………………na?!………komm´ich jetzt ins Fernsehen?

    Dietmar

    • admin says:

      Wir haben in unserem letzten Post noch einmal ein Bild eingestellt. Denke, Deine Beschreibung passt am besten :) Ach, und Nein, kein Fernsehen – sorry.

  2. Stefan says:

    Das Schild warnt wohl vor Seeschlag, der auch weit hinter über den Deich schlagen kann?

    Ich freue mich schon auf eure Rückkehr & Berichte!

    Grüße,
    Stefan